Wie Chico zu uns kam

Im Frühling 1999 beschloss ich, dass 3 Jahre ohne Katze genug wären und ich einen vierpfötigen Gefährten zu mir hole. Ich stöberte durch Zeitungen und das Internet nach Katzen, die ein neues Zuhause suchten. Da ich zu dem Zeitpunkt in einer relativ kleinen Wohnung wohnte, beschloss ich, diese mit einer nicht ganz jungen Katze zu teilen und einen Platz für eine Einzelkatze zu bieten. Nach langem Suchen und mehreren Besuchen in Tierheimen in der Gegend, stieß ich auf einen Tierschutzverein, bei dem eine schwarz-weiße, ca. 4jährige Katze auf einer Pflegestelle saß. Mein Freund und ich beschlossen, sie uns anzusehen.

Auf der Pflegestelle konnten wir die Katze zunächst nicht entdecken. Nachdem die Zimmertür geschlossen, etwas Ruhe eingekehrt und keine anderen Katzen mehr in Sicht waren, zeigte sich dann eine süße kleine Maus auf dem Schrank – Chico. Sie war verschreckt, ängstlich und wollte sich laut der Frau auf der Pflegestelle nicht streicheln lassen. Doch sie war auch sehr neugierig und so kam sie relativ bald heruntergesprungen und auf uns zu. Chico war sehr schlank (um nicht zu sagen abgemagert) und hatte einige Wunden im Fell – wir wussten nicht, woher diese kamen, da nichts genaues über Chicos Vorgeschichte bekannt war.

Nachdem Chico mich einmal angesehen hatte, war es um mich geschehen – ich hatte mich verliebt. Und sie schien uns auch zu mögen, ließ sich sogar von meinem Freund einmal kurz anfassen (bei mir hat sie gleich zugehauen, aber ich kann es ihr nicht verübeln, wir waren ja vorgewarnt und sie muss Schlimmes erlebt haben in ihren ersten 3 bis 4 Lebensjahren).

So war es dann schnell beschlossen, dass Chico bei uns einziehen und unser Leben auf den Kopf stellen würde (auch wenn uns zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war, wie sehr).

Die erste Zeit

In der ersten Zeit überlegten wir, ob wir ihr einen anderen Namen geben sollten, da Chico doch mehr nach Kater klingt. Doch da sie auf diesen Namen reagierte und uns kein anderer ähnlich klingender Name einfiel, blieben wir dabei.
Bis Chico sich bei mir eingelebt hatte, dauerte es einige Zeit. Nach einigen Monaten ließ sie sich aber von uns sanft streicheln, ohne gleich zuzuschlagen (dazu sei gesagt, dass Chico das Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" vollkommen verinnerlicht hat) und wir lernten immer besser, ihre Mimik zu lesen, so dass wir schnell genug reagieren konnten, wenn sie die Berührung nicht mehr ertrug. Nach der Kastration, die wir kurz nach ihrem Einzug bei uns vornehmen ließen, wurde sie ein kleines bisschen ruhiger und zutraulicher.

Chico war sehr neugierig, auch wenn sie gleichzeitig vor allem Neuen Angst hatte. Immer wieder konnte man ihr den inneren Kampf zwischen Neugier und Angst ansehen – Neues wurde interessiert betrachtet, vorsichtig beschnüffelt, sie blieb dabei aber immer in "Hab-Acht-Stellung", um bei dem leisesten Anflug von Gefahr rechtzeitig flüchten oder draufhauen zu können. Nach der ersten Gewöhnung an mich und meinen Freund, der häufig zu Besuch war, stellte sich heraus, dass Chico Angst vor dem Alleinsein hatte und uns als Bezugspersonen brauchte. Wenn einer von uns in der Nähe war, schien die Welt wenigstens halbwegs in Ordnung. Als wir für eine Woche in Urlaub waren, hatte sie sich anschließend einen Teil ihres Beins kahl geleckt. Als wir wiederkamen, heilte dies aber schnell wieder von alleine ab, weswegen wir vermuteten, dass sie sich aus Angst heraus das Fell ausgebissen und -geleckt hatte. Möglicherweise war aber dies auch schon ein erstes Zeichen auf ihre Futtermittelallergie, von der wir damals noch nichts ahnten.
Ich wohnte zu der Zeit in einer Dachgeschosswohnung, bei der der Speicher nebenan war. Chico entwickelte sich bald zu einer "Wachkatze": Sobald jemand auf den Speicher (oder meine direkte Nachbarin in ihre Wohnung) ging, lief Chico zur Tür und knurrte – manchmal auch schon, wenn jemand die Treppe hochging und noch eine Etage tiefer war. Doch auch dies legte sich immer mehr, je länger Chico bei uns wohnte.

Chico kannte nur Weniges. Katzenstreu war ihr neu (bis dahin war sie laut Pflegestelle nur Zeitungspapier gewöhnt), sie lernte aber glücklicherweise schnell, wozu das sandige Zeugs gut war (vielleicht hatte sie es auch schon einmal gelernt und musste nur ihre Erinnerung hervorkramen – oder sie wollte auf der Pflegestelle nicht aufs Katzenklo, weil dort zu viele andere Katzen waren [wie sich herausstellte, waren nicht alle Informationen, die wir bekamen, richtig]). Aber alles Naturverbundene (Gras, Regen, Wind, Erde, usw.) war ihr offenbar neu und machte sie skeptisch. Als wir sie daran gewöhnen wollten, in den Garten zu gehen, traute sie sich nicht, ihre Pfoten auf das Gras zu setzen (dass man es fressen konnte fand sie allerdings schnell heraus) und es dauerte ein Weilchen, bis sie sich irgendwann sogar traute, sich auf den Rasen zu setzen oder zu legen. Manche Abneigungen gegen Natürliches sind jedoch geblieben: Erde findet sie widerlich (wenn sie mal drauf tritt, schüttelt sie anschließend angewidert die Pfote) und vor Wind hat sie nach wie vor Angst. Eine passionierte Freigängerin wird aus ihr sicher nicht mehr, worüber ich aber, hier in der Stadt, ganz froh bin.

Andere Katzen mag Chico nicht und handelt auch bei Begegnungen mit diesen nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung". Dabei spielt es keine Rolle, wie groß ihr "Gegner" ist und ob sie sich gerade in dessen Revier befindet oder umgekehrt – es wird gefaucht und geknurrt was das Zeug hält und leider hat sie sich so auch das ein oder andere Mal eine blutige Nase und einmal sogar einen Biss eingefangen – letzteres natürlich an einem Wochenende, so dass wir zu einem Nottierarzt mussten. So, wie ich es inzwischen einschätze, ist bei Chico etwas in der Sozialisationsphase schief gelaufen – sie kann sich nicht mit Artgenossen verständigen, kannte früher nur Weniges, ist fremden Menschen gegenüber zurückhaltend bis aggressiv, usw. So haben wir eine kleine "Zicke" bei uns, die Besuche von Fremden (und dazu zählen alle außer uns) nicht immer einfach macht &ndash jeder Besucher wird von uns darüber aufgeklärt, dass Chico rabiat reagieren kann, wenn man sie anfasst und wer dann nicht hören will, muss dies von Chico schmerzhaft erfahren in Form von meist blutenden Kratzern. Inzwischen
Chico hat uns ziemlich viel gelehrt über Katzenverhalten und inzwischen auch Katzenernährung und leider auch Krankheiten.

Unser kleines "Sensibelchen"

Chico ist nicht nur in ihrer Wahrnehmung sehr sensibel, auch ihre Widerstandskräfte gegen Krankheiten scheinen nicht die besten zu sein. Die immer wieder notwendigen Tierarzt-Besuche fingen nach der Kastration an, als Chico ihre Wunde nicht in Ruhe lassen wollte und leckte, bis diese sich entzündete. Das nächste mal hatte sie sich Stellen an Bauch und Beinen kahl geleckt, als mein Freund und ich in Urlaub waren, sie kratzte sich immer mal wieder am Hals blutig (was uns zu der Überzeugung führte - und heute mehr denn je - dass sie sich die Wunden, die sie anfangs am Hals hatte und die angeblich von Zigaretten stammen sollten, selbst zugefügt hatte), bekam diverse Entzündungen (Magenschleimhaut-, Blasen-, Kehlkopfentzündung) und hatte auch einmal einen Narkosekollaps, als sie aufgrund der Kehlkopfentzündung mit Sedierung untersucht wurde. Neben den jährlichen Standard-Untersuchungen und Impfungen waren wir jedes Jahr mindestens ein weiteres Mal beim Tierarzt und in der Regel blieb es nicht bei einem Besuch.

Das Ganze gipfelte schließlich Ende Juni 2006 darin, dass sie sich am Hals nur noch blutig kratzte und nicht mehr aufhören konnte, so dass sich sogar in der Wohnung verteilt Blutspritzer auf dem Laminatboden befanden. Es bedurfte noch ein paar Besuchen beim Tierarzt, bis ich begriff, dass ich mich selbst informieren musste, um Chico helfen zu können. Wie sich herausstellte, hat Chico eine Futtermittelallergie. Über Chicos Leidensweg, bis die Allergie diagnostiziert wurde und wie es nach der Diagnose weiterging, habe ich auf einer extra Seite beschrieben: Chicos Futtermittelallergie.

Chicos Erkrankungen

Ein im November 2006 erstelltes Blutbild ließ einen Tierarzt eine chronische Niereninsuffizienz vermuten, was sich aber glücklicherweise nicht bestätigt hat. Allerdings zeigte das Blutbild einen Sauerstoffmangel, weswegen ich ihr Herz bei einem Veterinär-Kardiologen untersuchen ließ. Ein Röntgenbild zeigte Verschattungen in den Bronchien. Aufgrund offenbar chronisch bestehender Sauerstoffprobleme hatte sich in der Zwischenzeit eine Rechtsherzhypertrophie gebildet. Zudem war ihre Herzfrequenz recht niedrig, worauf vermutlich ihre Probleme mit Narkosen und Sedierungen in der Vergangenheit zurückzuführen waren.

Im Juni 2007 hatte Chico dann eine heftige Bronchitis. Aufgrund ihres Allgemeinzustands und ihrer Allergien wollte unser (neuer) Tierarzt nicht einfach "drauf los" therapieren, sondern riet uns zu einer Bronchioskopie. Meine Angst war groß, da wir ja inzwischen von Chicos Herzerkrankung wussten, sie nicht mehr die jüngste war (zu dem Zeitpunkt geschätzte 12 Jahre) und sie in der Vergangenheit Narkosen so schlecht vertragen hatte. Glücklicherweise ging bei der Untersuchung alles gut. Das per Antibiogramm bestimmte Antibiotikum hatte zwar wieder Juckreiz zur Folge, ermöglichte aber eine Therapie der Bronchitis. Als Zufallsbefund ergab sich bei der Bronchioskopie eine Schleimhautüberwucherung im Kehlklopf, weswegen Chico wohl immer leichter Atemprobleme haben wird als andere Katzen. Leider können wir dagegen nichts tun. Einige Zeit hatte Chico Probleme mit der Atmung, wenn sie Erbrochen hatte (z.B. nach Gras fressen). Die Probleme äußerten sich in sehr schneller, oberflächlicher Atmung, Apathie und Schwäche. Glücklicherweise dauerten diese Probleme nie sehr lange, auch wenn ich jedes Mal Panik bekam.

Ab August 2007 fingen wir mit einer klassisch homöopathischen Behandlung an. Chicos Allgemeinbefinden verbesserte sich sehr stark. Und nicht nur ihre gesundheitlichen Probleme wurden weniger. Sie wurde auch weniger ängstlich, auch zu Fremden zugänglicher und insgesamt entspannter. Ihre Kreislauf- und Atemprobleme nach Erbrechen haben sich gegeben. Sie ist verschmust mit mir und anhänglich ("Du willst lesen? Nix da, jetzt wird gestreichelt!"), spielt gerne und liebt das Clickern.

Besserungen

Das Clickern hat unsere Beziehung und Bindung zueinander sehr gestärkt. Wenn ich den Clicker hervorhole und die Trockenfleisch- Leckerchen bereit stelle, kommt Chico an und setzt sich laut schnurrend neben mich. Zwar klappen nicht alle "Kunststücke" so, wie ich es gerne hätte (Chico ist halt ziemlich eigensinnig, wann sie was macht), doch es macht uns beiden großen Spaß.

In der Zwischenzeit ist Chico noch 2x mit mir umgezogen. Solange ich in der Nähe bin, ist alles in Ordnung, sie gewöhnt sich sehr schnell an neue Umgebungen. Dank Chicos Homöopathin ist ihr Allgemeinbefinden sehr gut. Ihr Fell wird immer von allen bewundert, ihre Kreislaufprobleme treten nicht mehr auf und sie schafft es auch leichter, zu Fremden Vertrauen zu fassen.

Auch heute noch, nach 10 Jahren bei mir, kann ich noch Besserungen in Chicos Verhalten feststellen. Auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, machen sie mich sehr glücklich.